„Auch schon wieder gut.“ Lorbeeren für Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“

By 8. März 2016 Blog One Comment

Heinz Strunks neuer Roman „Der goldene Handschuh“ ist vor einigen Tagen erschienen. Der Autor selbst verkündet ein wenig stolz, sein Opus Magnum vorgelegt zu haben. Er freut sich, dass das Hoch-Feuilleton einstimmig seiner Meinung ist, dass sein Buch voller Anerkennung rauf- und runter besprochen wird, dass er auf Platz 5 der SPIEGEL Bestseller-Liste eingestiegen ist und dass er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Strunk gilt als Geheimfavorit.

Sechs Jahre hat er an dem Buch über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka gearbeitet. Fiete hat zwischen 1970 und 1975 vier Frauen ermordet und zerstückelt. Teils hat er die Leichenteile weggeschafft, teils hat er sie über Jahre in seiner Wohnung versteckt. Die Mieter des Hauses beschwerten sich erfolglos über den Gestank. Erst durch einen Hausbrand wurde die Polizei auf ihn aufmerksam, Leichenteile wurden gefunden und Honka wurde zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt.

In der Welt freut sich Frédéric Schwilden, der Strunk in seiner Wohnung in Hamburg-Altona besucht hat, dass es bei ihm anders zugeht:

„Strunk lebt da eindeutig besser. Keine Frauenleiche weit und breit. Es riecht angenehm nach Holz, was von den Dielen und den vielen Holzscheiten kommt, die im Wohnbereich sauber aufgereiht an der Wand lehnen.“

Strunk selbst war 13, als Honka erwischt wurde, erzählt er in einem Interview, das man sich auf YouTube ansehen kann.


Viele Jahre später, 2009 war das, hat er die 24-Stunden-Kaschemme zu seiner Stammkneipe gemacht. Fritz Honka habe sich ihm als Thema förmlich aufgedrängt. Das erste Mal ging Strunks Schreiben eine umfangreiche Recherche voraus. Mit einer Ausnahmegenehmigung konnte er 18 Prozessordner von Honka durchsehen. An der ersten Fassung des Romans hat er ein halbes Jahr geschrieben, 18 weitere Fassungen folgten und von 600 Seiten wurde schließlich auf 250 runtergekürzt.

Über der Eingangstür der Absturzkneipe steht heute „Honka-Stube“ auf einem Schild geschrieben. Honka, mit dem es das Leben seit seiner Kindheit nicht gerade gut gemeint hat, gibt Strunk eine Stimme, er erzählt seine Geschichte, wie sie gewesen sein könnte. „Mitgefühl ist die frohe Botschaft der Literatur“, sagt Strunk. „Wenn man als Autor keine Empathie mit seinen Figuren hat, hat man sowieso schon verloren.“ Empathie hat er, das wird beim Lesen in jeder Zeile deutlich, aber die solle man bitte nicht mit Sympathie verwechseln.

Im Interview mit dem Spiegel erzählt er, wie Honka zum Mörder wurde:

SPIEGEL ONLINE: Honka ist ein kümmerlicher Typ, Nachtwächter, körperlich versehrt. Was macht ihn zum Mörder?

Strunk: Im Urteil gab es diese Formulierung von den sogenannten Situations- oder Milieutaten. Es gibt einen wahnsinnig guten Satz, ich meine, von Peggy Parnass, die sagte: „Honka, das ärmste aller Würstchen, hatte auch noch das Pech, zum Mörder zu werden.“ Sein Weg geht immer abwärts. Zehn Geschwister, Vater Schwerstalkoholiker, Kinder-KZ, Zementkrätze, mit 17 Jahren bei Landwirten schuftend. Diese Abfolge von Pech: Kommt nach Hamburg, wird sofort von Rockern geschlagen. Das wenige, was von ihm noch da ist, wird noch mehr ramponiert. Und dann diese Taten, die im schwerstalkoholisierten Zustand, im Gestank dieser engen Wohnung vonstatten gehen. Die Taten, daher die Verurteilung wegen Totschlags in drei Fällen, sind mehr oder weniger im Affekt passiert, aus Handgreiflichkeiten heraus.

Ijoma Mangold von der Zeit war mit Heinz Strunk dort, wo Honka seine Opfer kennenlernte, ansprach und dann mit zu sich nach Hause nahm. Beide trinken sie Fako, Fanta mit Korn, weil das auch im Buch getrunken wird. „Es ist ein Roman, der vom Elementarsten erzählt, ohne je zynisch zu sein“, so Mangold in seinem Text. Und sein Fazit: „Wer so etwas schreibt, darf als Schriftsteller angesprochen werden wollen.“

Das Image des Comedians, der irgendwie lustige, triste und schonungslos ehrliche autobiografische Romane schreibt, wird Strunk sicherlich nie ganz loswerden. Jetzt, mit dem Honka, sei ihm ein Stilwunder gelungen, so Jürgen Kaube in der F.A.Z.: ohne Kälte lakonisch zu schreiben. Das Buch nennt er bewundernd, Strunks literarische Leistung anerkennend, eine Zumutung, „eine große und zugleich humane Zumutung. Jedenfalls dann, wenn es zu bedeutender Literatur gehört, den Blick von nichts abzuwenden.“

Immer wenn eine neue Rezension erscheint, teilt Strunk sie auf seiner Facebook-Seite. Inzwischen schreibt er nur noch: „Auch schon wieder gut.“ Vielleicht wird es ja was mit dem Preis der Leipziger Buchmesse.

Hier geht es in den Lesesaal zur Diskussion bei der F.A.Z. und hier entlang geht es direkt zum Lesen im Buch.

 

 

 

 

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