Betriebssystem Buch, Betriebssystem Netz

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Während wir also hinter den Kulissen weiter am Start von Sobooks arbeiten, beginnen wir wie versprochen langsam damit, intensiver zu kommunizieren. Zur Einstimmung möchte ich deshalb hier ein Video empfehlen. Es handelt sich um die re:publica-Session von Dorothee Werner (der Leiterin Unternehmensentwicklung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels) und mir. Der Titel „Betriebssystem Buch“ deutet das Thema an, wir haben ihn hauptsächlich wegen der schmucken Alliteration gewählt, natürlich.

Tatsächlich haben wir beschlossen, das Format etwas experimenteller aufzustellen, wir haben das „Öffentliche Untersuchung“ genannt, um nicht den Frontalvortrag zu zelebrieren, sondern die Beteiligung des Publikums mit in die Veranstaltungsart einzubauen. Aber nicht nur die: eine Session über die zukünftige Entwicklung ist ja immer auch vermuten, postulieren, fordern. „Untersuchung“ hört sich da etwas mehr nach genau dieser Suchbewegung an, die jetzt sinnvoll ist, wo das Buch (und die Buchwirtschaft) angefangen hat, sich massiv zu verändern.

Der Inhalt der Session ergibt sich, wenn man das „Betriebssystem Buch“ weiterdenkt. Wenn man also den großen Erfolg des Buches – was die Prägung und Lenkung der Gesellschaft angeht – gedanklich kreutzt mit dem Internet. Das versuchen wir in der Session, die unter doppelt leicht erschwerten Bedingungen stattfand:

• auf der technischen Seite gab es in einem Saal mit ungefähr 700 Leuten keine Lautsprecher – sondern Kopfhörer für jeden.

• unsere Zusatzzumutung bestand darin, dass wir uns ein eigenes, interaktives Konzept ausgedacht haben: das Publikum konnte per eigenem Hashtag (#OSbook) an der Diskussion teilnehmen. Gleichzeitig konnte man aber auch per #livehashtag die Session beeinflussen. Der Begriff #livehashtag steht ganz simpel für „Hinreinrufen von Stichworten“.

In der Theorie hörte sich das, zumindest für mich, total geschmeidig an: weil der Saal still ist wegen der Kopfhörerübertragung, sind die lautstarken Einwürfe gut hörbar. Die Eingrenzung auf #livehashtags, also einzelne Stichworte, vereinfacht, das Publikumsfeedback tatsächlich auch einzubauen. Für die Einwürfe via Twitter hat das überraschend gut (aus meiner Sicht) geklappt, ich kann Vortragenden mit einigermaßen twitteraffinem Publikum nur empfehlen, in Zukunft Echtzeitreaktionen elektronischer Natur in das Bühnengeschehen einfließen zu lassen – und eher nicht auf einer unbeachteten Twitterwall wirkungslos zu verklappen. Der #livehashtag, dieser hochtrabendem Euphemismus für die uralte Kulturtechnik des Zwischenrufs, hat leider nicht so superfantastisch funktioniert, weil Leute mit Kopfhörern kein Gefühl für die Saal-Öffentlichkeit mehr haben und deshalb eine gewisse Scheu, Stichworte in die Menge hineinzurufen. Trotzdem hat sich eine aus meiner Sicht spannende Session entwickelt (mein situatives Duckface bei der untenstehenden Youtube-Vorschau bitte ich unkommentiert zu ignorieren).

Voilà.

Die Folien zum Vortrag lassen sich hier ansehen, in der Öffentlichen Untersuchung werden allerdings zum einen gar nicht alle Folien gezeigt und zum zweiten auch noch in einer etwas abweichenden Reihenfolge:

Kleine Nebenbeischmankerl, die während des Vortrags unerwähnt blieben: bei der verwendeten Schrift handelt es sich um Garamond, die Person auf der zweiten Folie ist dementsprechend Claude Garamond. Seine Schrift gehört zu den ältesten heute noch verwendeten, vor allem aber war es nach Einschätzung von Sachkundigen eine der ersten, wenn nicht die erste hochfunktionale Schrift, die explizit für den damals neu erfundenen Buchdruck entwickelt wurde. Die Garamond stammt aus dem Jahr 1530, eigentlich müssten Leute vor der gedankenlosen Verwendung dieses uralten, großen Monuments der Typographie in ihrem käsigen Powerpoint zur öffentlichen Lobpreisung verpflichtet werden, aber solche Notwendigkeiten sieht der Gesetzgeber ja wieder nicht.

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