Bücher gemeinfrei machen und diskutieren

Man kaum eine größere soziale Idiotie begehen als sich öffentlich mit einer sozialen Wohltat zu brüsten. Was auf den ersten Blick aussieht wie 100% eigene Leistung, beruht meistens auch auf Kultur und einem sozialen System, ohne das Gesellschaft nicht funktioniert. Eine moderne Sicht der Wirtschaft wird heute auch immer ein Ökosystem von Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten und anderen sog. Stakeholdern sehen. Und schließlich lehrt die genaue Beobachtung jeden Tag, dass sich hinter großen Worten häufig ganz schnöde Eigeninteressen verbergen – gerade beim „Kulturgut Buch“ ist Vorsicht geboten, wenn diese Formulierung Wirtschaftsakteure verwenden. Das Kulturgut ist auch Handelsgut, Produktionsgut, Arbeitswerk.

Wir von Sobooks fanden es aber vom ersten Konzeptionstag an spannend, Bücher in die Gemeinfreiheit zu bringen und jedermann kostenlos verfügbar machen. Das kann nichts verwerfliches sein, da etwaige Rechte von Autoren und Übersetzern und anderen Rechteinhabern abgekauft werden. Im ersten Sobooks-Konzept wollten wir das noch über Crowdfunding lösen und nannten es intern „Fund-To-Commons“: dass wir nämlich Geld einsammeln um ein Werk gemeinfrei zu machen, entweder durch Erwerb der Rechte oder durch Übersetzung fremdsprachiger Originale mit abgelaufenem Schutz. (Später haben wir dann Unglue.it entdeckt, an das hiermit eine honorable Mention geht.) Wir haben diese Funktion dann doch nicht umgesetzt, weil wir erstmal den Kern unseres Geschäftsmodells aufbauen wollten, und weil wir es tatsächlich etwas peinlich gefunden hätten, uns als Altruisten zu gerieren, obwohl wir mit diesem Auftreten nicht in der schlechtesten Gesellschaft gewesen wären.

Die Probleme der Gemeinfreiheit von Büchern

Dann aber haben wir der F.A.Z.-Feuilletonredaktion vorgeschlagen, auch einmal gemeinfreie Werke zu besprechen und an ihnen Social Reading zu erproben. Wir stießen auf den Bartleby von Herman Melville, der an verschiedenen Stellen im Netz als gemeinfrei geführt wird und auch – wie etwa von Gutenberg.org und dem SpOn – zum Download angeboten wird. Allerdings stellten wir schnell fest, dass die Rechtelage an der deutschen Übersetzung dieser in Umlauf befindlichen Version unklar war. Ganz generell gilt: Weder lässt sich die Rechtslage von eventuell „abgelaufenen“ Werken für Laien eindeutig und sicher klären (wie ist die Rechtelage an Bildern, Cover, Übersetzung? Um welche Version des Textes aus welchem Jahr handelt es sich?), noch sind die verschiedenen Arten von Nutzungsbestimmungen für Laien wirklich verständlich. Man verzeihe die Härte des Ausdrucks, aber die praktische Handhabung von Gemeinfreiheit von Büchern ist auf allen Ebenen eine Katastrophe. Es müsste eine Art Register geben, in dem jedermann die Rechtelage nachsehen kann und es sollte wie ein Handelsregister entsprechende Anscheinsvermutungen geben, das ist meine ganz persönliche Auffassung als netzpolitisch interessierter Mensch. Auch sind die Creative Commons-Lizenzen viel zu kompliziert und müssten auch entdenglisch werden. Für den deutschen Sprachraum könnte ich mir auch gesetzliche Regelungen vorstellen, die jedermann-sicher erlauben, mit einfachen Worten die Lage für alle zu klären.

Unser erstes Gemeinfrei-Buch: der Bartleby von Melville

Wir haben also den „Bartleby“ neu übersetzen lassen und entlassen diese Fassung hiermit feierlich in die Gemeinfreiheit. Jedermann kann ihn nutzen und bearbeiten, jedoch sollte der Übersetzer Dr. Jan Wilm weiterhin genannt werden, denn er hat freundlicherweise seine Urheberrechte, soweit sie abgebbar waren, für unseren Zweck abgegeben – was keine Selbstverständlichkeit ist.

Zudem kann das Buch hier nach Anmeldung kommentiert werden. Gerade der Bartleby erlaubt viele Interpretationen. Warum stellt Bartleby seine Arbeit ein? Was hat seine Vorgeschichte zu bedeuten? Was hat der Erzähler mit der Sache zu tun? Und so weiter, um ein Haar hätte ich eine eigene Interpretation geschrieben.

Eine Weltneuheit, die wir vorerst verschweigen

Bei der Gelegenheit können wir auch eine Weltneuheit vorstellen: Dieses hier ist ein WordPress-Blog und wir haben ein WordPress-Plugin entwickelt, mit dem man Buchzitate einbetten kann. Das geht nur mit Sobooks und so sieht es aus:

Diese Funktion zeigen wir hier als Vorführversion: Das Zitat, eine wunderbare Anregung für alle Twitterer, verlinkt direkt in das Buch, so dass man den Kontext lesen kann, falls man sich bis dahin merken konnte, worauf man zuvor geklickt hat. Das Plugin ist fertig, muss aber noch für alle Welt released werden, damit es jeder bloggende Autor, Rezensent und Buchliebes nutzen kann (Anleitung etc.). Wir werden es mit gewohntem Getöse ankündigen, sobald es so weit ist.

Wir können uns gut vorstellen, weitere Bücher gemeinfrei zu machen, wenn es nicht zu teuer wird: Wer hat Vorschläge für Werke ? Und wer möchte uns dabei helfen, z.B. einen Übersetzer suchen, zum Thema „trommeln“, eine Kickstarter-Kampagne oder ähnliches machen? Bitte wendet Euch gern an mich (ck@sobooks.de) oder hinterlasst hier einen Kommentar.

tl;drs machen keinen Sinn. Dafür gibt es Überschriften und ein Text ist so lang, wie der Sinn es erfordert.

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