Der F.A.Z. Lesesaal – eine neue, vernetzte Zeit des Buchs soll beginnen

By 22. September 2015 Blog 10 Comments

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Zack! Endlich ist der F.A.Z. Lesesaal online – und um zu verstehen, wohin wir dabei gemeinsam mit dem Feuilleton der F.A.Z. zielen, muss man fünf Schritte zurücktreten und sich die umwälzende Transformation der Kultur ins Digitale anschauen (nein, in kleinerer Münze geht es leider nicht).

Youtube hat ohne Zweifel die digitale Welt des Kulturguts Video verändert. Und ein substanzieller Teil dieser Veränderung beruht auf der Ureigenschaft des Internet – auf der inhaltlichen Vernetzung. Bei Youtube heißt das konkret: Man kann Videos auf anderen Seiten einbetten, mit dieser Vernetzungsfunktion hat Youtube seine heutige Größe erreicht. Bei Soundcloud lässt sich genau das mit Musik und Tonaufnahmen machen. Und Flickr ist als eine der ersten inhaltsgetriebenen Communitys vor zehn Jahren groß geworden, weil es mit einer Vielzahl von Widgets die Einbettung von Bildern quer durch das Netz erlaubte.

Das Zitat als Herzstück des Netzes

Das ist kein Zufall: Das Zitat ist der wichtigste Treiber des Traffic in sozialen Medien, auch und gerade bei Facebook. Ein schneller Blick in den eigenen Facebook-Feed sollte das beweisen, von den letzten zehn Beiträgen dürften mindestens fünf alle möglichen Inhalte quer durchs Internet zitieren und verlinken. Aber ausgerechnet aus dem wirkmächtigsten, zitatsatteste Kulturgut überhaupt lässt sich bisher kaum geschmeidig digital zitieren: aus dem Buch. In den allermeisten Fällen musste man Buchzitate abtippen, sei es vom gedruckten Werk oder aus dem E-Book, das aus einer Reihe von Gründen bisher eine weitgehend vom Netz abgekoppelte, digitale E-Books-Sphäre darstellte. Wir halten diese Abkopplung für verschenktes Potenzial, denn wir sind überzeugt, dass sich das E-Book mit dem Internet vermählen muss.

Für den brandneuen, soeben gestarteten F.A.Z. Lesesaal haben wir deshalb eine neue Technologie entwickelt, die für die Buchwelt das werden soll, was der eingebettete Youtube-Clip für die Videowelt ist:

Jeder Satz aus jedem E-Book lässt sich quer durch das gesamte Internet einbetten. Und mit dem Klick auf das eingebettete Zitat gelangt man im Browser direkt in das E-Book hinein. 

Dadurch wird auch sofort der Kontext des Zitats deutlich – und bei Sobooks lässt sich direkt am E-Book diskutieren, am Rand jeder Seite (was aber simpel ein- und ausblendbar ist). Wir glauben, dass die in dieser Form erstmals möglichen, verlinkten E-Book-Zitate die Art und Weise verändern können, wie man im Netz über Bücher schreibt und diskutiert.

E-Books dorthin bringen, wo die Aufmerksamkeit schon ist

Mit simplen Beispielen lässt sich diese mittelnassforsche Behauptung erläutern:

  • Angenommen, soeben kommt ein neues Buch von Thilo Sarrazin heraus – mit der Sobooks-Technologie könnte umgehend ein Artikel erscheinen mit dem Titel: Die fünf schlimmsten Zitate aus dem neuen Sarrazin-Buch. Und jedes Zitat linkt in das E-Books hinein, auf die jeweilige Seite, wo live am Inhalt entlang gestritten werden kann. Man erahnt die Diskussionsintensität. Und nicht nur da.
  • Die 37 schlichtesten Thesen aus dem neuen Buch von Hans-Werner Sinn.
  • Unterhaltsame Geschehnisse aus Charlotte Roches neuem Roman.
  • Die zehn delikatesten Passagen aus „Fifty Shades of Grey“.
  • Karl Marx verstehen in zwölf Buchzitaten aus „Das Kapital“.
  • Alles, was in der Bibel steht über vegane Ernährung.
  • Zehn Passagen aus zehn Büchern, die gegen Liebeskummer helfen.

Und das sind natürlich nur die leicht auf Buzzfeedizität gebürsteten, denkbaren Artikel. Die konkreten Möglichkeiten sind noch zu erforschen, und im F.A.Z. Lesesaal wird sicher ein eigener Stil des Umgangs mit dieser Technologie gefunden werden. Der Schlüssel zum Verständnis der konzeptionellen Dimension dieser Sobooks-Technologie: Inhalte von Büchern werden bis auf einen einzigen Klick an den Ort herangeführt, wo die Aufmerksamkeit der Nutzer schon ist, hier auf der Seite faz.net. Wir sind sehr froh darüber, dass sich das Feuilleton der F.A.Z. mit der Literaturredaktion auf dieses Experiment eingelassen hat: Bücher, E-Books auf eine neue Weise zu rezensieren und zu diskutieren. Und mit zu prägen, wie das Zusammenrücken oder sogar die Verschmelzung von E-Book-Inhalt und Rezension aussehen kann.

Wir laden alle Interessierten dazu ein, mitzumachen beim F.A.Z. Lesesaal, mitzudiskutieren, direkt im Online-Buch (die Kommentare zu den Artikeln sind vorerst deaktiviert, um den neuen, bisher kaum bekannten Kommentaren im Buch mehr Schwung zu geben). Der erste Beitrag stammt von Felicitas von Lovenberg und handelt vom Roman „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck. Das Buch ist in der letzten Woche auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gekommen und handelt vom sehr aktuellen Thema Flüchtlinge. Ein Screenshot aus dem ersten Beitrag des F.A.Z. Lesesaals:Screenshot 2015-09-18 17.22.50

Was genau ist der F.A.Z. Lesesaal?

Der F.A.Z. Lesesaal ist übrigens zu verstehen als virtueller Ort, an dem Gespräche stattfinden, wie ein riesiges Buch, auf dem man in kleinen Grüppchen über dessen Inhalt diskutieren kann. Zum Lesesaal gehören die einzelnen Rezensionen als Ausgangspunkt, die in die Rezensionen eingebundenen Buchzitate, die Möglichkeit, sich auf der Lesesaal-Seite einzuloggen, die Einbindung der letzten Kommentare auf der Lesesaal-Seite – und natürlich die Kommentare am Buchrand jeder Seite selbst (deren Zahl übrigens auch in dem roten Knopf im eingebetteten Zitat angezeigt wird).

Kommentare und Diskussionen

Das oft beschriebene Problem harscher oder grauenvoller Kommentare im Netz kann unserer Meinung nach so übrigens auch gelöst werden – durch die räumlich nahe Beziehung zum Text. Auf der Plattform Medium.com funktioniert das hervorragend, die Qualität der Kommentare ist dort (um den Preis eines geringeren Kommentaraufkommens) recht hoch, weil man die Inhalte direkt neben und nicht unter dem Text diskutiert. Die ersten Kommentare im Lesesaal sind dann auch ohne Ausnahme fair, auch die eher kritischen.

Natürlich müssen und wollen wir mit der F.A.Z. Schritt für Schritt erproben, wie diese neue Formen von Buchbesprechungen am besten funktionieren und wie sie die entsprechende Resonanz mitbringen. Natürlich ist die ganze Konstruktion durchaus fragil, eine Rechnung mit vielen Unbekannten, deren größte Unsicherheit ist, ob diese substantiell neue Produkt mittelfristig so angenommen wird, wie wir das glauben. Und wenn weiter oben die Rede ist von großen, neuen Ansätzen – von deren Kraft der Vernetzung wir wirklich überzeugt sind – dann heißt das: Wir skizzieren das Potenzial.

Ob es gehoben werden kann, ist eine andere Frage. Aber das ist das Wesen von Experimenten, man muss sie durchführen, um zu erkennen, ob sie funktionieren und wie sie vielleicht noch besser funktionieren. Wir sind, was die technischen Umsetzungen angeht und die Usability und die Features und die allgemeine Geschmeidigkeit der Benutzung – natürlich keineswegs am Ziel. Im Gegenteil müssen wir viele Funktionen, Gestaltungen, technische Abläufe und Kommunikationen des Lesesaals stetig verbessern. Aber wir sind der Meinung, dass das im Stahlbad der Userkritik besser funktionieren kann, als wenn wir noch neun Monate länger still im Hintergrund am Lesesaal geschraubt hätten.

Gleichzeitig war (für Fachleute vielleicht nachvollziehbar) nicht nur die technologische Seite eine Herausforderung, sondern auch die rechtliche, weshalb ein guter Teil des Danks den Buchverlagen gebührt, die sich juristisch auf diese neue Form der Beschäftigung mit Büchern eingelassen haben. Das ist im Spannungsfeld zwischen Internet, Urheberrecht und Verwertern alles andere als selbstverständlich.

Wir würden uns freuen, wenn Sie im F.A.Z. Lesesaal mitdiskutieren, im Browser, am Rand jeder einzelnen Buchseite, und wenn man möchte, über jeden einzelnen Satz im Buch. Vielleicht entsteht etwas wirklich Neues dabei.

 

10 Comments

  • Rainer Schamel sagt:

    Sehr geehrter Her Lobo, das ist ja Alles schön und gut und ich wünsche Ihnen auch sehr viel Erfolg mit diese Literatur 3.0…
    Ein paar erste Anmerkungen hätte ich schon: Seit Eröffnung des Lesesaals gibt es da genau 1, in Worten: ein, Buch; mehrere, mit evtl. teils in Ihrem Erklär-Artikel angesprochenen Themen, wären spannender und würden mich, und wahrscheinlich nicht nur mich, anregen, sich intensiver mit dem neuen Format auseinander zu setzen (die fortlaufend doppelt angezeigten Kommentare täuschen nicht darüber hinweg, dass der Zuspruch noch mäßig ist).
    Zu Ihrem Artikel: Ich finde es schade und bin darüber auch enttäuscht, dass Sie die Erklärung scheinbar eiligst und in aller Kürze zusammengeschrieben haben. Anders kann ich mir die Menge an Fehlern (Komma, fehlende Buchstaben) nicht erklären. Das hat mich anfangs abgeschreckt, das Werk vollständig zu lesen, ich hab’s dann doch geschafft. Ich habe mir nämlich angewöhnt, das „Internet“ grundsätzlich als extrem fehlerbehaftet zu sehen aber bei Texten von „Intellektuellen“ schalte ich den Filter normal ab. Ich möchte das auch bei Ihren Artikeln beibehalten können! Das war’s derweil (jaja, ich bin Bayer), dem Respekt und der Bewunderung Ihres Tuns bewirkt das für mich natürlich keinerlei Abbruch. Danke schön und liebe Grüße, Rainer Schamel.

    • Rainer Schamel sagt:

      Oha, da hab‘ ich ja richtig Unfug verzapft: Es gibt ja doch jede Menge Bücher hier, wurde nur immer automatisch auf immer das gleiche geleitet…SORRY

  • Sascha Lobo Sascha Lobo sagt:

    Lieber Herr Schamel, in Startup-Kreisen hat man es natürlich immer eilig. Und einen Kommafehler habe ich in der Tat gefunden und beseitigt; wenn Sie noch weitere gefunden haben sollten, könnten Sie vielleicht sogar den Fundort mitteilen? Das wäre schnafte. Und vielen Dank für Ihre Komplimente, die sie kränzleinhaft geschmeidig um die Fehleranzeigen herumgewunden haben 😉

  • Das ist alles ganz wunderbar und vermutlich sogar eine Revolution. Ich befürchte allerdings, dass die Erklärung viel zu lang ist und die Anmeldepflicht im Lesesaal senkt auch nicht die Hürden. Meine Anregungen wäre: finde eine Erklärung in einem Satz (meinetwegen in drei Sätzen), warum die Lesesaal-Idee großartig ist. Und bringe auf der Startseite des Lesesaals ein echtes Beispiel, deren Mehrwert man ohne Erklärtext verstehen kann.

  • skreutzer sagt:

    Das ist jetzt aber nicht arg überzeugend, dass Texte der FAZ (oder welcher Quelle auch immer), die auf sobooks untergebracht sind, nun andernorts zitiert werden können. Es wäre an sich ja eine recht vernünftige Marketing-Maßnahme, mit der Leser auf die sobooks-Plattform geleitet werden, wenn da nicht die unsinnige Beschränkung auf einzelne Sätze wäre. Das wäre ungefähr so, wie wenn YouTube sagen würde, die Videos können nicht komplett in fremde Webseiten eingebettet werden, sondern nur einzelne Sekunden-Ausschnitte. Bei Videos besteht zusätzlich noch der Unterschied, dass sie ein großes Speicher-Volumen haben und daher nicht in beliebiger Menge auf dem einbettenden Webspace gehostet werden können, weshalb die Einbettung überhaupt erst stattfindet. Bei Text besteht diese Limitierung keinesfalls, es könnten also problemlos ganze Absätze oder Kapitel eingebettet werden, und auch die Kommentierung erfordert nicht zwangsläufig einen gesonderten sobooks-Account, sondern könnte mit dem ohnehin bestehenden Account der einbettenden Seite erfolgen (und sobooks sich als Kommentar-Aggregator- und -Kurations-Plattform verdient machen). Dass sobooks auf solch langweiligen Zitier-Kram beschränkt bleiben muss und nichts digitalnatives machen kann, liegt wieder einmal mehr an der total zurückgebliebenen Rechte-Problematik – weil die FAZ und andere meinen, sie könnten sich weiter im Geschäft der restriktiven Rechteverwertung betätigen und gleichzeitig Relevanz aufrecht erhalten und weil sobooks meint, nicht für die freie Lizenzierung der eigenen Software sorgen zu müssen, sich nicht um frei lizenzierte Inhalte bemühen zu müssen. Auch wenn dieses Experiment für dessen Teilnehmer zukünftig als Erfolg gewertet werden mag, ist das völlig unnötig verschenkte Potential ungleich größer.

  • Jonas sagt:

    Hallo Herr Lobo,

    auf den ersten Blick sieht das Projekt durchaus vielversprechend aus, aber beim zweiten Hinsehen bin ich direkt verwirrt. Was GENAU soll der Lesesaal denn jetzt sein?

    Die Idee mit der Einbettung à la Youtube finde ich super, allerdings glaube ich, dass eine solche Kontext-Kommentarfunktion auch Verwirrung stiften könnte. Die beste Übersicht über den Gesamtbestand von Lesermeinungen hat man eben doch im streng hierarchischen Format von oben nach unten. Reddit macht vor, wie es nicht geht und ist dennoch vermutlich Marktführer, was unqualifiziertes Gefasel im Internet betrifft.

    Aber ich schweife ab. Mir fehlt eine klare „Message“ beim Lesesaal und auch ein entsprechendes Design, das mir zeigt, dass ich jetzt „woanders“ unterwegs bin und dies ein besonderer Zeil der SZ ist.

    Ich wünsche viel Erfolg mit dem Projekt und bin gespannt, wie sich das entwickelt! LG

  • Sascha Lobo Sascha Lobo sagt:

    Also, lieber skreutzer, hier liegt wohl ein Missverständnis vor. Man kann mithilfe des Plugins mehrere Sätze aus den Büchern bei Sobooks zitieren, nicht aus der FAZ. Und wie gesagt: mehrere Sätze. Das ist immer auch eine Rechtefrage, und ich sehe da noch, Vorsichtig gesprochen, Luft nach oben. Aber es ist schon ein großer Schritt, dass klassische Verlage ihre E-Books gewissermaßen ins verlinkbare, freie Netz entlassen.

    Lieber Jonas, ja, der Lesesaal ist sicher noch zu verwirrend in der Gesamtschau. Wir versuchen, das Schritt für Schritt zu verbessern, und hatten uns wie oben gesagt entschlossen, das „am lebenden Herzen“ operativ zu tun. Die Kontext-Kommentarfunktion ist zum Beispiel noch eindeutig verbesserbar, schon deshab, weil nur ein Teil des Publikums sie auf den ersten Blick nachvollziehen kann.

    • skreutzer sagt:

      Vielen Dank für den Hinweis, mir ist nun die Quelle des Missverständnisses meinerseits aufgegangen: im FAZ-Lesesaal gibt es keine Artikel der FAZ, sondern Texte oder E-Books, welche die FAZ auswählt (oder so ähnlich). Da sieht man mal, wie unglaublich irrelevant die FAZ für mich in Ermangelung ebensolcher Angebote ist, dass ich nicht mal den FAZ-Lesesaal kenne, und das, obwohl sie unter Frank Schirrmacher und vielleicht auch darüber hinaus eine ganz vorzügliche Bearbeitung von digitalen Themen an den Tag gelegt hat, ich also als Zielgruppe theoretisch in Frage käme.

  • Fritz Iv sagt:

    Es gibt Phänomene, da wünscht man sich, Walter Benjamin käme vom Himmel herunter und würde schauen, was sich zwischenzeitlich gerade in der Moderne tut. „Die umwälzende Transformation der Kultur ins Digitale“ kann man natürlich zunächst einmal technisch beschreiben – was da jetzt alles geht!, aber damit ist natürlich genau nicht begriffen, wie sich Kultur transformiert. Ich bin großer und bekennender Fan der Möglichkeiten von Sobooks und entsprechend enttäuscht, dass der Zuspruch der deutschen Kulturmenschen wirkt, als hätten selbst die verbliebenen Leser keine große Begeisterung mehr am erkennenden Lesen – „die wilden Jahre des Lesen“ sind ja auch schon offiziell verabschiedet worden. Aber gerade bei Sobooks schlummert eine „Transformation“, die, muss ich jetzt vermuten, auch Sascha noch nicht ganz aufgefallen ist. Sie hat tatsächlich wesentlich mit dem Kommentieren zu tun. Der Punkt ist der: Mit fällt an mir selbst auf, dass das Kommentieren an den Rand eines ernstzunehmenden, ja sogar eines „umstrittenen“ Buches eine Veränderung bewirkt. Da beginnt nämlich das Jetzige unterschwellig schon sich seiner Zeitlichkeit bewusst zu werden. Ehem, wie sage ich das halbwegs verständlich? Das Buch hat ja auch in digitaler Form eine längere Verweildauer. Nehmen wir Jenny Erpenbeck. Man merkt dann ja (oder manche auch nicht), dass der Kommentar an der Verweildauer des Buches partizipiert. Es gibt dann eigentlich keinen anderen Sinn fürs Kommentieren wie bei der guten, ältesten Exegese: dem Buch etwas Hinzufügen, was für nachfolgende Leser halbwegs von Belang sein könnte. Ich bin gespannt, ob Sobooks unterschwellig noch so ein Kommentariat erzeugt. Oder ob „wir“ in der Breite unserer Kultur das schon nicht mehr können und halt an den Rand sauen, was uns in der Sekunde gerade einfiel, mit dem gleichen Gestus, wie man z.B. etwas bei Twitter oder Facebook in die Timeline reinsaut, also ganz ungewahr dessen, das auch der Kommentar noch längere Haltbarkeit haben könnte und gerade nichts mit dem überhetzten Moment zu tun hat. Wie gesagt, das wird spannend zu beobachten sein, ob wir noch merken, wie Kultur sich nicht nur quer „einbettet“, verlinkt und vernetzt in die Sekunden und Sentimente der Gegenwart, sondern auch rückwärts und vorwärts Linien bildet, Traditionslinien. So wie ein Buch hundert Jahre auf den richtigen Leser warten kann (W. Benjamin said this), so könnte hier ja auch ein Kommentar hundert Jahre warten. Wollen wir es mal, weil gerade schon spät ist, das Auratische des Kommentierens nennen 😉 , das hier ganz klein und so gut wie unerkannt wieder passieren könnte. Damit meine ich ausdrücklich nicht, dass man hier nun ganz und gar nach Tiefsinn trachten sollte. Überhaupt nicht. Es reicht so eine kleine innere Stimme, die einem zuruft, watch out, dies ist nicht Facebook, was du schreibst, bleibt – ausnahmsweise, das gibt es ja sonst nicht oft im Netz (obschon auch bei Amazon) – eine längere Zeit im Sichtbaren für andere Leser. Schluss: Die Kultur transformiert sich hier so ins Digitale, dass sie tatsächlich Kultur bleibt, also auch mit Entwicklungslinien und dem Pendel der Zeit zu tun hat (alles andere ist ja nur Entertainment).
    (Disclaimer: Ach je, ich glaube, ich muss da noch einmal länger drüber nachdenken. Aber etwas ist anders, wenn man am Rand eines Buchs kommentiert als im immer schon abfließenden, wegsickernden Stream.)

  • Frau Hallorin sagt:

    Ich habe vor fast einem Jahr „Das neue Spiel“ auf sobooks gelesen und fand das durchaus nicht übel. Jedoch hatte die Kommentarfunktion damals einige Macken, die mir den Spaß etwas verdarben. Nun bekomme ich diese Werbemail von der FAZ und schaue mal wieder bei sobooks rein. Und was sehe ich, nach einem Jahr: die Kommentarfunktion hat offenbar noch die gleichen Macken. Hm. Irgendwie suboptimal. Das beworbene Buch „Gehen, Ging, Gegangen“ habe ich angelesen, soweit das kostenlos ging. Hat mir auch gut gefallen, aber trotzdem werde ich keine 16 € für ein Browserbuch investieren. Das ist schlicht zu teuer.

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