E-Books auf der Apple Watch – Das Absurde denken

By 10. April 2015 Blog 18 Comments
watch_ebooks

Irgendwann im Herbst kam bei Sobooks der Gedanke auf, zum Start der Apple Watch ein E-Book auf die Uhr zu bringen. Wir haben das schnell wieder verworfen. Allerdings hauptsächlich deshalb, weil wir – während es vorne eher still ist – Sobooks auf der Rückseite ständig verbessern. Nach dem Launch im Oktober haben wir im Dezember und Januar ungefähr ein Dutzend verschiedene Test-Cases durchgeführt, dann ausgewertet und jetzt fließen diese Auswertungen in die Weiterentwicklung ein (ein paar Verbesserungen sind schon zu sehen, zum Beispiel die Neugestaltung des Buchbilds).

Trotzdem ist es meiner Meinung nach sehr interessant, über diese auf den ersten Blick völlig absurde Kombination E-Books und Apple Watch nachzudenken. Und das gleich aus mehreren Gründen.

Der erste und vielleicht wichtigste: Digitale Innovationen erscheinen auf den ersten Blick oft völlig absurd. Auch und gerade, wenn man sich mit der Materie sehr intensiv beschäftigt. „Aber das geht doch nicht, wer will denn das?“, dieser Satz sagt fast nichts über die Technologie und dafür sehr viel über die Person, die ihn sagt. Meiner Meinung nach wird die Apple Watch spätestens im zweiten Modell-Lauf ein sehr großer Erfolg, und die wahrscheinlichste Begründung dafür ist: Sie bietet ein vollkommen neues und höchst intimes Interface für die digitale Welt. Das Smartphone klingelt oder vibriert, aber ein Vibrationsalarm ist so nervig und laut, dass man sich selbst in einem fünfzehn-Leute-Meeting dafür entschuldigen muss. Das ist das Gegenteil von intim. Die Apple Watch könnte zu einem Informationsfilter neuer Art werden, ich glaube, dass die „Taptic Engine“ (die ein charakteristisches Antippen am Handgelenk als Benachrichtigung verursacht) genau dafür entwickelt wurde.

Zurück zu den E-Books auf der Apple Watch.

Oben habe ich zwei Beispiele abgebildet, die bei näherer Betrachtung ein E-Book auf der Uhr nicht mehr so absurd erscheinen lassen wie im ersten Moment. Ein Haiku scheint wie geschaffen dafür, und mehr als zwölf Haikus kann man ohnehin nicht am Stück lesen. Und ein Theaterstück, in diesem Fall von meinem Lieblingsschriftsteller Ödön von Horvath, lässt sich eventuell auch gut so portionieren, dass ein so kleiner Screen (390×312 Pixel) überhaupt Sinn ergibt.

Und doch fühlt es sich immer noch nicht so an, als müsse es das unbedingt geben. Vor allem, weil das gesamte Konzept der Apple Watch ausdrücklich darauf ausgerichtet ist, dass man die Uhr nur wenige Sekunden hochhalten muss. Weil man länger auch kaum kann. Der Interface-Chef der Apple-Uhr sagt, die Interaktionen mit der Uhr sind darauf angelegt, fünf bis zehn – aber maximal 30 Sekunden zu dauern.

Und da kommt ins Spiel, dass sich der Umgang mit digitalen Inhalten insgesamt verändert, und zwar recht eindeutig technologiegetrieben. Das hat die New York Times dazu gebracht, eine neue Form von Nachrichten zu erschaffen: die Ein-Satz-Artikel, genannt One Sentence Stories.

nytimes_watch

Vielleicht geht es also gar nicht so sehr darum, das uns bekannte Konzept von E-Books eins zu eins auf die Apple Watch zu pressen. Vielleicht geht es eher um eine geeignete Idee, wie man Uhr und E-Book verbinden kann.

Wir haben uns einige Gedanken gemacht, wie das aussehen könnte, aber weil wir ehrlich gesagt derzeit zu viele andere, für uns essentiellere Dinge zu tun haben, ist es bei Gedanken geblieben. Ich möchte einige davon hier kurz abbilden, mit einem unten beschriebenen, konkreten Hintergedanken:

• Die fünf besten Sätze aus einem Buch
Jeden Tag bekommt man ein Buch anhand der fünf besten oder aussagekräftigsten Sätze darin vorgestellt. Die Sätze aus dem Buch lassen sich mit einem Klick bewerten, das Buch lässt sich ebenso leicht kaufen.

• Buchzusammenfassungen in 30 Sekunden
Es könnte eine Kunstform sein, ein Buch so zu beschreiben, dass man die Zusammenfassung in 30 Sekunden lesen kann, also genau in der Maximalzeit für die Apple Watch laut Apple. Vielleicht muss man die Betrachtung umdrehen: Wie kann ich jemanden in 30 Sekunden von einem E-Book überzeugen?

• Textliche Hörbuchbegleitung
Leider ist die Gesamtsituation zwischen Hörbüchern und Textbüchern immer noch etwas sperrig, technisch wie vor allem auch rechtlich. Aber ein Watch-taugliches Szenario wäre, dass man auf dem iPhone ein Hörbuch hört – und auf der Apple Watch läuft währenddessen der Text in Echtzeit mit. Wann immer man also etwas hört, was irgendwie textliche oder gar bildliche Unterstützung sinnvoll macht – kann man es mit einem Blick erfassen.

Diese und noch weitere Kurzideen stellen – so glaube ich – nur den Anfang davon dar, wie man die Apple Watch und andere, kommende Uhren in die E-Book-Welt oder eigentlich in die Digitale-Inhalte-Welt integrieren kann. Und jetzt kommt der Hintergedanke: Wenn sich jemand, gern ein Buchverlag, für die auf den ersten Blick absurde Kombination auf E-Books und Apple Watch interessiert, möge man uns kontaktieren.

Wir können das nicht komplett allein finanzieren, das möchte ich offen dazusagen, aber wir sind sehr daran interessiert, das E-Book weiterzuentwickeln und können dabei vor allem die technologische Seite der Apple Watch abbilden. Und selbst, wenn die Apple Watch nicht das wichtigste E-Book-(Verkaufs-)Tool der Zukunft wird – das mindeste, was für alle Beteiligten drin ist, dürfte Aufmerksamkeit sein. Viel Aufmerksamkeit, denn die Medien berichten über jeden Quark im Zusammenhang mit der Uhr nehmen Neuigkeiten rund um die Apple Watch einigermaßen begeistert auf.

18 Comments

  • Alexander Nitsche sagt:

    Ich musste schon bei der Überschrift sofort an „Spritz-Speed-reading“ denken http://www.spritzinc.com/
    Das funktioniert so das in gewünschter Geschwindigkeit die einzelnen Wörter eines Textes nacheinander auf dem Display erscheinen und mit ein paar Tricks wird das Schnelllesen erleichtert. Ich habe Spritz in Der App speedreader (iOS) ausprobiert, man gewöhnt sich schnell dran und kann auch bald die Geschwindigkeit immer weiter hoch schrauben.
    Es scheint mir wie gemacht für die iWatch.

    Grüße

    • ST sagt:

      oder Ist das lediglich eine Empfehlung des Berufsverbandes der Augenärzte?
      Wie wäre es mit einer Morse App für die IWatch?

      Die Morsezeichen, manchmal auch Morsealphabet oder Morsecode genannt, sind ein Verfahren zur Übermittlung von Buchstaben, Zahlen und übrigen Zeichen. Dabei wird ein konstantes Signal ein- und ausgeschaltet. Es besteht aus drei Symbolen: kurzes Signal, langes Signal und Pause.
      Der Code kann mit einer Morsetasten App über die iWatch übertragen werden und bietet die Möglichkeit interaktiv mit anderen IWatch besitzern Informationen auszutauschen.
      Falls keine Verbindung zum Iphone, Ipad in das Netz besteht, geht es auch mit Tönen oder Lichtzeichen über die IWatch in Survival Situationen, was zumindestens ein elektronisches Abhören durch die NSA, BND und andere Geheimdienste unmöglich machen wird.
      Bitte das Nachladen nach einem Tag nicht vergessen, sonst wird daraus nichts.

  • Arno Runge sagt:

    Absurd wäre nur, die Watch als Uhr zu verwenden.

  • Sebastian sagt:

    …wieso nicht gleich als Second Screen zum eigentlichen Ebook-Reader?

    – Umblätter-Fernsteuerung
    – Darstellung von User-Meinungen zur aktuellen Seite (Social Reading)
    – Darstellung der relevanten Personen der aktuellen Seite (vgl. X-Ray)
    – schnelles Vor-/Zurückblättern zu Textpassagen, ohne die aktuelle Seite zu verlassen
    – Darstellung von Grafiken, die der Text gerade beschreibt (insb. wissenschaftliche Texte)

    • Sascha Lobo Sascha Lobo sagt:

      Ein paar famose Ideen, die wir umgehend klauen werden, ohne die geringste Kompensation! Ich meine natürlich eigentlich: das Second-Screen-Konzept zum Tablet/Smartphone ist ohnehin ein sehr spannender Ansatz, für alle digitalen Kulturgüter.

    • Stephan Fleischhauer sagt:

      Viel zu nerdig. Ich empfehle diesen Text: http://mspr0.de/?p=3558
      Man sollte da auch die Bedürfnisse der Masse im Blick haben, sonst wird es gnadenlos scheitern.

    • Stephan Fleischhauer sagt:

      Zitat mspro:
      Dass sie sich nie im großen Maßstab durchgesetzt haben, lag nicht an den technischen oder preispolitischen Unzulänglichkeiten, sondern daran, dass man damit irgendwie “bekloppt” aussieht.

      Wohlsen meint, es gäbe eine dünne Linie zwischen Nerdyness und Beklopptheit, die beispielsweise bei Leuten, die ständig mit Bluetooth-Headset im Ohr rumlaufen oder sich per Segway fortbewegen deutlich überschritten ist. Und eben die selbe Beklopptheit macht er aus, wenn er Leute wie Robert Scoble mit Google Glass sieht.

      Lässt sich bestens übertragen. Wie soll das denn aussehen? E-Book-Reader in der rechten Hand, Apple Watch an der linken, und dann mit dem rechten Auge aufs E-Book und mit dem linken auf die Uhr schauen?? Oder mit dem Kopf hin und her wackeln?

  • scholt sagt:

    Die Uhr könnte Bücher über den “Taptic Engine” in Morsecode vorlesen 😉

    • Stephan Fleischhauer sagt:

      Scheint mir noch eine der besten Ideen zu sein. Absolut unauffälliges Vorlesenlassen.

  • Stephan Fleischhauer sagt:

    Meiner Meinung nach wird die Apple Watch spätestens im zweiten Modell-Lauf ein sehr großer Erfolg, und die wahrscheinlichste Begründung dafür ist: Sie bietet ein vollkommen neues und höchst intimes Interface für die digitale Welt.

    Schwache Begründung. Nach dem Motto vollkommen neu muss ja gut sein. Ach ja, nicht nur neu, sondern auch höchst intim. Klingt ja sexy. Ist es nur leider nicht. Dieses vollkommen neue Display bietet vor allem eine besch… User Experience. War das nicht immer Apples Pfund? Worin soll dann jetzt die neue Erfahrung liegen? Dass man sich an kleine Schriftgrößen gewöhnen muss? Dass man für jeden längeren Satz schon scrollen muss? Zur Haltung sagt ihr ja selbst: nur wenige Sekunden hochhalten (…) Weil man länger auch kaum kann. Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Vibrationsalarm ist so nervig und laut

    Eine Smartwatch mag da geringfügige Vorteile haben, aber deshalb gleich den Vibrationsalarm verteufeln? Wenn ihr solche marginalen „Problemchen“ so aufbauscht, sagt das sehr viel über über den angeblichen technologische Reife der Smartwatch.

    Haiku/Theaterstück

    Die Leute sollen jetzt nicht mehr Bücher lesen, sondern Haikus und Theaterstücke? Weil man ja irgendwie die Apple Watch verkaufen („in die Digitale-Inhalte-Welt integrieren“) muss?

    Ein-Satz-Artikel

    Dann kommen wohl auch Ein-Satz-Bücher.

    Vielleicht geht es eher um eine geeignete Idee, wie man Uhr und E-Book verbinden kann

    Euer Absatz ist also: Function follows form. Wir haben die Uhr, jetzt brauchen wir eine geeignete Idee. Die Idee, die schon die anderen Smartwatch-Hersteller nicht gefunden hatten. Wäre eine solcheIdee in Sicht, wäre sie wohl schon umgesetzt worden. Es gab schließlich auch lange vor dem iPhone schon brauchbare Mobiltelefone.

    weil wir ehrlich gesagt derzeit zu viele andere, für uns essentiellere Dinge zu tun haben

    Ah, ihr habt offenbar selbst Zweifel an der Bedeutung der Smartwatch. Kann ich gut nachvollziehen.

    Die fünf besten Sätze aus einem Buch/ Buchzusammenfassungen in 30 Sekunden

    Dafür kann ich mir auch das Smartphone aus der Tasche ziehen. Welche Situation schweben euch vor, wo man für eine Buchzusammenfassung nicht mal die Zeit hat, das Handy (mit dem viel besseren Display) aus der Tasche zu ziehen?

    Textliche Hörbuchbegleitung

    Weshalb hört man Hörbücher? Weil man dabei etwas anderes tun kann, als auf den Text zu starren. Beim Autofahren, beim Bügeln, beim Aufräumen. Die eine oder andere Grafik wäre sicher mal interessant, aber dafür ein Extra-Device, das man täglich aufladen muss?

    • Stephan Fleischhauer sagt:

      Ups, da sind arg viele Tippfehler reingeraten.

      Der hier ist sinnentstellend: Euer Absatz ist also
      Muss Ansatz heißen.

  • Stephan Fleischhauer sagt:

    E-Books auf der Apple Watch – Das Absurde denken

    Ihr bezeichnet eure Ideen selbst als absurd. Dem kann ich nur zustimmen. Und nun? Braucht ihr einen Arzt?

  • Robert Agthe sagt:

    Bei dem Blogpost fiel mir sofort dieses „Spritz“ ein. Das wäre doch für sowas perfekt? http://www.spritzinc.com

  • Markus Sommer sagt:

    Finde ich einen grandiosen Ansatz! Florian hat es schon mit den TinyTales bei Twitter geschafft Geschichten in 140 Zeichen zu erzählen (https://twitter.com/tiny_tales) . Oder Filme in einem Satz wie bei One Sentence Summaries (http://1sent.tumblr.com). Macht Neugierig, ist unterhaltsam, nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne notwendig. Perfekt.

  • Kienborges sagt:

    Ein-Satz-Bücher . Gib es schon. Mir fällt da spontan Jürgen Beckers Im Radio das Meer ein. Journalsätze. Bei Suhrkamp erschienen. Tolle Idee. Habe ich auch jahrelang gemacht. Immer um Mitternacht in einem Satz den Tag zusammengefasst. Werde ich mal wieder aufnehmen, die Idee.

  • Kersten sagt:

    Mein erster Gedanke war auch: viel zu anstrengend, den Arm so lange so hochzuhalten. Darum habe ich mir vorgestellt, in welcher Position ich den Arm ablegen könnte. Richtig: auf der Toilette. Und da alle braven Menschen sich beim Gang der Erleichterung setzen, ist immer ein Oberschenkel frei, der Kopf darf sich senken, Richtung Uhr. Ob wir da jetzt immer über 30 Sekunden hinauskommen… Ich will da nicht mehr ins Detail gehen. Dennoch: Es lesen ohnehin schon viele Leute mit ihrem Smartphone auf der Toilette. Die Uhr-Variante hätte einen entscheidenden Vorteil: Sie kann nicht irgendwo reinfallen 😉

    Für mehr Klocontent!

  • […] Apple Watch inspiriert Sascha Lobo zu schönen ersten Gedanken über künftige Formate, die sich dafür eignen, von den […]

  • Thomas sagt:

    Wäre absolut nichts für mich. Stelle ich mir total anstregend vor. Da gibt es doch viel bessere Alternativen, auf die man zurückgreifen kann.

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