Lieber nicht: Politik nach Hermann Melvilles „Bartleby“

By 12. März 2016 Blog 2 Comments

Von Markus Hardtmann, Gastautor. Sobooks präsentiert in unregelmässiger Folge Rezensionen, Interpretationen und Anregungen zu Büchern.

Ein unwahrscheinlicheres Vorbild für eine Protestbewegung lässt sich kaum denken: Bartleby, die zentrale Gestalt von Hermann Melvilles gleichnamiger Erzählung, baut keine Barrikaden, spricht nicht in Megafone und malt keine Spruchbänder. Er macht mit niemandem gemeinsame Sache und ruft zu nichts auf. Trotzdem wurde dieser komische Heilige, der ein merkwürdig verschattetes, einsames und stilles Dasein führt, zu einem Schutzpatron von Occupy Wall Street.

Die Rettung der Banken während und nach der Finanzkrise im Jahr 2008 trifft einen Nerv. Ein paar Unterschriften verwandeln Risiken der Privatwirtschaft in Schulden der Allgemeinheit. Aus Protest besetzen meist junge Leute im Herbst 2011 für mehrere Monate einen Park fast in Rufweite der Wall Street. Sie schlagen im Zucotti Park ihre Zelte auf und schreiben auf Transparente „Wir sind die 99 %“. Während die Parole schon für Schlagzeilen sorgt und über Bildschirme flimmert, publiziert der Kongress eine vor langem in Auftrag gegebene Studie: In den vergangenen zwanzig Jahren stagnierte das Gros der US-amerikanischen Einkommen. Nur 1 % an der Spitze konnten ihre Einkünfte steigern, und zwar gewaltig.

Die meisten Occupy-Aktivisten wissen, dass die Bankenkrise Vorgänger hat. Ihnen ist auch klar, dass man systematischer Ungleichheit nicht mit Moral und der Kritik an der Habgier einzelner Banker beikommt. Dennoch geht nicht das Gespenst des Kommunismus im Zuccotti Park um. Eine andere Erscheinung tritt auf, eine Figur, die ihrerseits einem „Gespenst“ gleicht. Am 10. November halten die Demonstranten eine öffentliche Lesung von Bartleby, der Schreiber ab. Kurz darauf steht auf Postern im Zentrum der globalen Finanzwirtschaft: I would prefer not to, „Ich würde das lieber nicht tun.“

Für die Aktivisten ist Melvilles Erzählung von 1853 hochaktuell. Immerhin arbeitet Bartleby in einer Anwaltskanzlei auf der Wall Street. Der Raum, den der Anwalt und Erzähler für seinen neuen Kopisten einrichtet, nimmt heutige Bürozellen vorweg:

Nicht nur befindet sich die Börse schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auf der Wall Street. Die Weigerung des Schreibers, bestimmte Arbeiten auszuführen, unterbricht auch immer wieder den Gang der „eiligen“ Geschäfte. Als Bartleby schließlich gar nichts mehr tut, „besetzt“ er die Geschäftsräume seines Arbeitgebers. Kaum anders als die Aktivisten im Park bleibt er nun auch nachts und am Wochenende:

Wie Bartleby dem Anwalt mit ausgesuchter Höflichkeit mitteilt, würde er die Kanzlei „lieber“ nicht mehr verlassen:

Der Anwalt beschreibt Bartlebys Verhalten als „passiven Widerstand“. Der Autor mag dabei an einen zeitgenössischen Text Thoreaus zu diesem Thema gedacht haben. Freilich richten sich die Überlegungen Thoreaus in Civil Disobedience (1849) vornehmlich gegen den Staat, der in Melvilles Erzählung nur eine Nebenrolle spielt. Wie dem auch sei, die anscheinend unerklärliche Renitenz Bartlebys spiegelt die programmatische Programmlosigkeit der Occupy-Aktivisten.

Vom Anarchismus inspiriert, richten sie im Zuccotti Park eine Leihbibliothek ein, erproben streng basisdemokratische Formen der Meinungsbildung und experimentieren mit neuen Formen des Protestes. Ein prominentes Plakat von Occupy Wall Street ruft zum Generalstreik auf und zeigt einen Hamster, der aus seinem Laufrad ausgestiegen ist. Bartlebys Formulierung – „Ich würde das lieber nicht tun“ – erscheint als Überschrift in fetten Lettern. Die Parole von den 99 % mag die Entwicklung der Einkommen wahrheitsgemäß erfassen; übereinstimmende ökonomische Interessen machen im 21. Jahrhundert jedoch noch keinen Generalstreik. So muss das Melville-Zitat als Ausdruck einer bloßen, gar nicht so großen Weigerung erscheinen. Das Hamsterrad dreht sich weiter – und findige Leute drucken Bartlebys Satz umgehend auf T-Shirts und Taschen, die sie zum Verkauf anbieten.

Der Spätkapitalismus absorbiert jede Form des Protestes. Vielleicht auch, weil die andere Seite immer schon mitliest. Sheila M. Puffer, Professorin an einer amerikanischen Business School, publiziert schon in den 90er Jahren ein Buch, das Managerial Insights from Literature verspricht. Im Kapitel zu „Macht und Kommunikation“ druckt Puffer auch Melvilles Erzählung ab. Angehende Führungskräfte sollen in der Fachliteratur nachlesen, wie man „schwierige Untergebene“ beeinflussen kann. Anschließend sollen sich die zukünftigen Manager überlegen, wie sie mit dem wenig gefügigen Bartleby umgehen würden. Alternativen zu den „Machttechniken“ des Anwalts sind gefragt.

Kaum anders als Occupy Wall Street interpretiert die Professorin für Management Bartlebys zentrale Formulierung als bloßes „Nein“. Die Äußerung ist jedoch komplexer. Übersetzt man Bartlebys I would prefer not to wörtlich, dann sagt er: „Ich zöge es vor, nicht zu …“ Präferenz und Ablehnung, Bejahung und Verneinung überkreuzen sich.

Es ist, als ob Bartleby jedes Mal gleichzeitig einen Schritt vor und zurück mache und eben deshalb unbeweglich bleibe, wie Gilles Deleuze und Giorgio Agamben auf unterschiedliche Weise gezeigt haben. Dem ist hinzuzufügen, dass Bartlebys stereotyp wiederholte Formulierung eine eigentümliche Unbestimmtheit mit sich führt. Anders als das bloße „Nein“, die große oder kleine Weigerung, lässt sie etwas offen. Ohne eine vorangehende Aufforderung bleibt I prefer not to unverständlich. Die Äußerung ist nicht ungrammatisch, sondern unvollständig. Darin gleicht sie der Anschrift, die der Erzähler mitteilt. Seine Kanzlei befinde sich, wie er mehrfach sagt, auf der „Wall Street Nummer –“.

Auf einem Stadtplan, auf Google Maps oder mittels anderer Kontrolltechniken wird man diese Adresse vergeblich suchen. Dennoch weist die Anschrift nicht auf einen Nicht-Ort, einen u-topos. Wie Bartlebys Formel I prefer not to lässt auch sie etwas offen. Das ist vielleicht frustrierend. Aber nur so, offen, formuliert Melville eine Politik, eine andere Politik und vielleicht etwas Anderes als Politik.

 

Der Autor lebt und arbeitet als freier Übersetzer in London.

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