SPIEGEL-Artikel, Startfreude und Ergänzungen zum Datenkonzept

By 5. Oktober 2014 Blog 13 Comments
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Wenige Tage vor unserem Start auf der Frankfurter Buchmesse (Halle 3.1 Stand K15) am Freitag, den 10. Oktober freuen wir uns sehr über einen Artikel im gedruckten SPIEGEL, der diesen Montag erscheint. Er ist aus mir völlig schleierhaft erscheinenden Gründen überschrieben mit „Größenwahn in Dosen“. Wie gesagt sind wir voll der Freude, schon allein, weil die Aufmerksamkeit der Medienöffentlichkeit uns unter einen enormen Erfolgsdruck setzt, das kann man als Start-Up ja immer brauchen. Aber auch, weil junge und deshalb noch nicht immer und in allen Details superrund laufende Unternehmen theoretisch auch Ansatzpunkte für einen soliden Pfannenschlag bieten würden – und das passiert hier nicht. Wer den Artikel in Gänze digital lesen möchte, dem sei das (kostenpflichtige) SPIEGEL-Epaper empfohlen, hier der Link zum betreffenden Artikel.

Ein paar Ergänzungen zum Artikel möchten wir an dieser Stelle anfügen. Nicht als Korrekturen gemeint, aber die Hintergründe zu einigen Sätzen können ja trotzdem ganz interessant sein. Voilà.

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Christoph Kappes ist natürlich noch viel mehr als „nur“ Blogger, Autor oder Unternehmer zum Beispiel, er hat seine Digital-Agentur vor einigen Jahren an Pixelpark verkauft. Mir persönlich ist aber sehr wichtig zu ergänzen, dass wir vier Gründer sind. Nicht, dass ich das in Gesprächen verschweigen würde, aber in Artikel fällt es trotzdem manchmal weg. Genauso entscheidend wie Christoph oder ich sind Oliver Wagner (Gestaltungschef) und Oliver Köster (Technikchef). Wir vier arbeiten seit 2012 an Sobooks, unterstützt durch eine ganze Reihe von Leuten, die ich in der nächsten Zeit hier auch vorstellen möchte.

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Dementsprechend müsste es hier natürlich heißen „WIR sind feindosiert größenwahnsinnig“, und auch über das „feindosiert“ kann man sicher streiten. Aber jetzt mal so unter uns: Wenn man sich einbildet, als kleines, rein privat finanziertes Start-Up Amazon irgendwie schon so ein bisschen Konkurrenz auf dem Markt für digitale Bücher machen zu wollen, ist es einigermaßen ratsam, sanft größenwahnsinnig zu sein. Weil man sich sonst nämlich vor Angst hinter der Tür verkriechen müsste, denn Amazon ist – was Effizienz, Service und natürlich Marktmacht angeht – ein hyperperfektionistischer E-Book-Leviathan. Wir haben Sobooks schließlich gegründet, um der in den Augen vieler Autoren- und Verlage-feindlichen Entwicklung des E-Book-Marktes etwas entgegenzusetzen. Und das geht kaum mit Regulierungsgesetzen oder einem Allgemeinlamento, sondern nur mit funktionierenden Gegenentwürfen.

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Das stimmt exakt. Wenn der Verlag (oder der Selfpublisher), der das Buch herausbringt, acht Seiten zum Probelesen freigibt. Tatsächlich lässt sich die genau Zahl der Seiten, die frei zugänglich sind, bei jedem Buch einzeln festlegen.

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Und ganz besonders super wird natürlich die Rezension eines FAZ-Promis im Netz sein. Diesen Satz im Artikel möchte ich gern ein wenig feinjustieren, denn ich habe ja nicht nur die Ehre, dem Hause SPIEGEL bei Spiegel Online wöchentlich als Kolumnist zur Seite stehen zu dürfen. Sondern auch, regelmäßig für dass Feuilleton der FAZ schreiben zu dürfen; ich bin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und den Leuten dahinter sehr verbunden, und wir verdanken dem leider verstorben Frank Schirrmacher viel (das wird im Artikel auch etwas kantig angedeutet). Was den konkreten Satz angeht, bin ich überzeugt, dass sich die Rolle des Feuilletons wandelt, was den Buchmarkt angeht – und zwar in Richtung der Rezensenten, gerade auch der professionellen Rezensenten. Ich glaube, dass mit den richtigen Instrumenten das professionelle Rezensieren zu einer neuen, anders gefärbten, aber ebenso prächtigen Blüte werden wird. Mehr davon zu unserem Start am Freitag, den 10. Oktober.

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„Waaaaas? Lobo schreibt sich den Wolf zum Thema Datenschutz, NSA und so – und baut er eine Firma mit auf, die Daten sammelt!!?!“ Schlimmer noch, „er hält es sogar für möglich“,

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In der Tat. Man kann natürlich im Internet keine Plattform aufbauen ohne Daten und auch nicht, ohne diese Daten auszuwerten – es kommt daher sehr darauf an, wie man mit diesen Daten umgeht, wie transparent man diesen Umgang gestaltet und wieviel Kontrolle die Nutzer über ihre Daten haben. Was den Verkauf an Verlage angeht, ist unser Ansatz recht einfach nachvollziehbar. Bei Sobooks sind ja einzelne Seiten (und bald auch einzelne Sätze) von außen verlinkbar, likebar, kommentierbar. Daraus ergibt sich ein Datenmuster, was in etwa mit den „Trending Topics“ bei Twitter vergleichbar ist. Über welche Bücher wird jetzt gerade diskutiert, wo lässt sich eine Intensivierung seit Wochen beobachten, welche Themen in welchen Nischen regen besonders dazu an, in sozialen Medien empfohlen zu werden?

Wenn man sich vor Augen führt, dass „Fifty Shades of Grey“ ein australischer Selfpublishing-Titel war, der ausreichend früh von Random House entdeckt wurde, um die Konzernbilanz des Mutterhauses Bertelsmann 2012 deutlich positiv zu beeinflussen – dann ahnt man, wie wertvoll solche Trend-Daten sein können. Es geht uns zu keinem Zeitpunkt darum, irgendwelche persönlichen Nutzerdaten an irgendwelche Werbefirmen zu verhökern. Das habe ich zwar schon häufiger sehr deutlich gesagt und geschrieben, aber angesichts des SPIEGEL-Artikels kann man das ja ruhig nochmal wiederholen. Zusätzlich wollen wir die Kontrolle ihrer Daten durch unsere Nutzer so einfach und schlagkräftig wie möglich machen:

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Exakt, ein einzelner Knopf, der dazu führen soll, dass man nicht an der Datenerhebung hinter den Kulissen teilnimmt, über solche Unabdingbarkeiten hinaus wie „Nutzer X hat Buch Y gekauft“, was man braucht, damit das gekaufte Buch beim nächsten Mal noch im Account lesbar ist. Und über solche Offensichtlichkeiten hinaus, dass ein Kommentar, den man öffentlich abgibt, auch öffentlich gespeichert bleibt. Wie genau der „Unsichtbar-Knopf“ funktionieren wird, werden wir in den kommenden Wochen beschreiben, vorausgeschickt sei nur, dass die Technologie dahinter alles andere als trivial ist und daher nicht von Anfang den vollen Leistungsumfang bieten wird, den wir mittelfristig anstreben. Was wir aber jetzt schon sagen können – wie auch durch das Programm unseres Eröffnungs-Events am 10. Oktober auf der Buchmesse deutlich wird  – möchten wir die Plattform gemeinsam mit unseren Nutzern weiterentwickeln. Das ist sehr viel einfacher angekündigt als durchzuführen, klar, aber es bedeutet, dass wir für Anregungen gerade in diesem Bereich (den wir als „Datensouveränität“ bezeichnen) sehr offen sind.

13 Comments

  • Walter Fuchs sagt:

    Wird man bei Sobooks E-Books veritabel kaufen können, im Gegensatz zu Amazon. Will sagen, kann ich die E-Books nach der Lektüre etwa meiner Frau zum Lesen geben oder an einen Freund verschenken?

    • Sascha Lobo Sascha Lobo sagt:

      Ja, wird man einigermaßen, allerdings abhängig von der Interpretation des Begriffs „veritabel“ 😉
      Also, man wird ab demnächst gekaufte Bücher auch verleihen können. Nicht alle, weil das nicht alle Verlage für so sinnvoll halten wie wir das tun, aber doch einige Verlage. Wir arbeiten konzeptionell auch an einer Möglichkeit, die Ebooks weiterzuverkaufen, allerdings ist das sehr, sehr kompliziert, und zwar wegen der Rechtelandschaft (die auch der Hauptgrund ist, weshalb das nirgendwo sonst geschieht). Grundsätzlich ist das bei uns allerdings einfacher möglich, weil Access ja anders funktioniert als Download.

  • keine angaben sagt:

    Kann man Accounts anonym eröffnen und z. B. mit PaySafeCard bezahlen?

    • Sascha Lobo Sascha Lobo sagt:

      Zum anmelden braucht man nur eine Mailadresse, da lässt sich also streng genommen zumindest pseudonym agieren. Der Kauf funktioniert im Moment nur über PayPal und per Kreditkarte (auch ohne PayPal-Konto). Das ist nicht ausreichend, vollkommen klar, andere Zahlungsmethoden – auch die PaySafe-Card – werden nach und nach implementiert. Die Antwort lautet hier also: noch nicht, ist aber angestrebt.

  • Jürgen sagt:

    Ich finde Euer Projekt sehr spannend und drücke Euch die Daumen. Worten Taten folgen zu lassen ist mutig, denn diese kann man messen. Es ist an der Zeit!

    • Sascha Lobo Sascha Lobo sagt:

      Danke! An der Zeit ist es in der Tat, nach über zwei Jahren Vorbereitung kann man das so sagen.

  • Tolle Sache und grundsätzlich wünsche ich euch sehr viel Glück damit!

    Eine Frage habe ich aber: Warum akzeptiert ihr keine Bitcoins? Das reduziert die Auswahl an Büchern, die ich mir bei euch durchlese, bis auf weiteres auf die kostenlosen Exemplare.

    Insbesondere vor dem hier erwähnten Konzept, den Nutzern die Wahl zu geben, was mit ihren Daten passiert sowie Sascha Lobos immer wiederkehrenden Rufen nach dem Schutz der Daten vor den Geheimdiensten, wäre es zu begrüßen, dass der Nutzer die Wahl hat, bei der Bezahlung eine potenzielle Abhörung auf Seiten des Zahlungsdienstleisters von vorneherein unmöglich zu machen, indem man mit Bitcoins bezahlen kann.

    Beinah schon bitter finde ich es, dass das kostenlos angebotene Buch den „Kontrollverlust“ durch die Datensammler zum Thema hat und einem dann die Plattform die Möglichkeit verweigert, sich zumindest einer Überwachungskamera zu entziehen.

    Abgesehen davon würde die Bitcoin-Zahlung gegenüber den anderen Methoden euren Autoren / Verlagen wenn ich mich nicht irre 20-30 cent je Buch mehr einbringen.

    Verratet ihr mir weshalb ihr keine Bitcoins annehmt? Prinzipielle Gründe? Zuwenig Nachfrage?

    Gespannt auf die Antwort und viele Grüße,

    Christoph Bergmann vom bitcoinblog.de

    • Sascha Lobo Sascha Lobo sagt:

      Wir werden verschiedene weitere Zahlungsmöglichkeiten implementieren, wir wissen, dass nur PayPal/Kreditkarte nicht genug ist. Bitcoin sind im Moment nicht angestrebt, das beruht in der erster Linie auf meinen großen Zweifeln bezüglich dieses Zahlungskonzepts. Ich ahne allerdings, dass jemand, der das bitcoinblog.de betreibt, diese Zweifel tendenziell nicht teilt 😉

      Tatsächlich (siehe Antwort oben zu Paysafe-Card) werden wir die Zahlungsmethoden erweitern, um mehr Privatsphäre zu ermöglichen, als es mit PayPal der Fall ist. Dass PayPal hier ein schmerzender Punkt ist, ist mir voll bewusst, leider ist das gesamte Payment im Netz noch immer ein Schmerz oder Scherz, je nachdem, wie von welcher Seite man das betrachten will.

      Nicht verstanden habe ich, was das mit dem Buch „Kontrollverlust“ zu tun hat, die Bücher, die wir hier verkaufen/zugänglich machen, müssen ja nicht zwingend unsere Haltung zur Welt widerspiegeln. Ist in diesem Fall auch nicht so.

      Meine „prinzipiellen Zweifel“ an Bitcoin beruhen übrigens in erster Linie darauf, dass das Sicherheitskonzept mir manipulierbar erscheint. Diese Ansicht ist vor allem aus der Historie von Bitcoin heraus entstanden, insbesondere aus dem kompletten Mt. Gox-Debakel (ja, ich empfand das damals als Debakel).

  • […] zu aller guter Letzt ist die aktuelle Replik vom sobooks Verlagsprojekt auf einen Artikel im Spiegel wieder Beispiel dafür, wie die bildungsbürgerliche Skepsis neue Wege […]

  • Vito von Eichborn sagt:

    Als alter Büchermacher leuchtet sobooks mir ein – als technischer Depp begreife ich vieles nicht.
    Ich bastele an wiederlieferbar.de – erwerbe also Rechte von vergriffenen Büchern und mache Ebooks draus. Falls gewünscht, auch print. Und da ich überzeugt bin, dass Inhalte die Leser überzeugen müssen (noch Bohei oder Marketing), sollte man denen möglichst viel zu schmecken geben. Die meisten geklauten Bücher sind i. d. R. auch real die Bestseller.
    Ich suche einen technisch kompetenten Partner für das Projekt.
    Vito von Eichborn – Vitolibro@vitolibro.de

  • […] Genau diese Fragen verhandelt der Blogger Michael Seemann in seinem über Crowdfunding finanzierten Buch “Das neue Spiel”: Wie stellt der Kontrollverlust, den jeder durch immer mehr öffentliche Daten an sich selbst erlebt, alte gesellschaftliche Prozesse infrage? Welche Strategien funktionieren noch mit diesem und gegen diesen Kontrollverlust, welche nicht mehr, und welche sind neu hinzugekommen? Darüber sprechen wir mit Michael Seemann und mit dem Medienunternehmer Christoph Kappes, dessen gerade gestartetes “Social Reading”-Projekt Sobooks ebenfalls die Fragen der (Urherberrechts-) Kontrolle diskutiert. […]

  • Miner^ sagt:

    Hi,

    auch ich frage mich, wieso bitcoin oder andere Cryptocurrencies nicht als Zahlmethode akzeptiert werden.
    Die Antwort auf C. Bergmanns Frage oben überrascht mich etwas, denn das „Mt. Gox-Debakel“ als Ursache für die Zweifel an den Kryptowährungen als Ganzes zu nennen würde ja bedeuten, dass man Euro und US-Dollar bezweifelt, weil es die Möglichkeit eines Bankraubs gibt …

    Grüße

    Ein Mooncoin-Miner

  • […] neues Projekt Sobooks berichtet hat (die wichtigsten Punkte des Artikels gibt es übrigens auch hier, hübsch kommentiert, im Sobooks-Blog), sollte das – da mittlerweile gestartet und laufend – […]

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