Über E-Books und Sobooks

By 9. April 2014 Blog, Status 4 Comments
epub

Eigentlich möchte ich neben der konkreten Arbeit an Sobooks im Moment fast jeden Tag große Grundsätzlichkeiten über die in wesentlichen Teilen defekte E-Book-Welt schreiben. Denn da ist soviel schwierig, nervig, falsch, ein Irrtum, ein Versehen, verbogen oder zumindest nach meinem Ermessen kontraintuitiv:

• außerhalb der Kindle-Welt haben E-Books fast durch die Bank eine ungünstige bis erbarmungswürdige Usability, und jedes Gegenargument, das mit dem Halbsatz beginnt „Aber Du musst nur mit einem Calibre-Plugin…“ ist kein Gegenargument, sondern eine Reduktion der E-Book-Welt auf hundertausend Leute im deutschsprachigen Raum.

• aber auch innerhalb der Amazon-Welt tritt man der E-Book-Kultur scheinbar mit ungeheurer Lieblosigkeit gegenüber, fehlerhafte, offensichtlich unkorrigierte und irgendwie zusammengescannte Versionen kommen häufiger als nur ausnahmsweise vor. Man ahnt zwar, weshalb (die Datenqualität der digitalen Buchwelt ist so mittel), aber Amazon ist jetzt nicht so superarm, als dass man sich für dieses Qualitätsproblem (an dem wir auch arbeiten) keine Lösung überlegen könnte.

• im Februar spießte Friedrich Forssman in einem vielverlinkten Beitrag im Suhrkamp-Blog unter „Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt“ eine Reihe richtiger (und einige falsche) Argumente auf, die allerdings nicht in einer Problem-Behebung des gegenwärtigen Systems E-Book mündeten, sondern in einer Gesamtablehnung.

• gleichzeitig ist ökonomisch gesehen ein Prozess auf dem Markt für digitale Bücher im Gang, der Amazons Marktmacht zementiert, was bei 70%+ Marktanteil (je nach Betrachtung) so mittelsuper ist und offenbar auch schon dazu führt, dass einigen Verlagen absurde Verträge vorgelegt werden.

• im gleichen Atemzug möchte die Firma Adobe – die mit ihrem bisherigen, dummen, käuferfeindlichen DRM-System den E-Book-Markt substantiell erschwert – ein neues DRM-System vermarkten, von dem wieder nur Adobe profitieren wird, das wieder käuferfeindlich sein wird, und es gibt Verlage, die fatalerweise wieder darauf einsteigen werden.

• mir ist noch immer nicht klar, wie sich – neben anderen Kritikpunkten, die hier ungesagt bleiben möchten – die Tolino-Allianz mittelfristig zutraut, auf dem Hardware-Markt gegen Apple und Amazon anzukämpfen.

Readmill ist leider eingegangen und hat damit gezeigt, dass sich Social Reading ALLEIN kaum verkaufen lässt und für sich genommen tendenziell nicht als Geschäftsmodell funktioniert, egal wie gut es gestaltet ist (und Readmill war sensationell gut gestaltet). Die sehr positiven Stimmen der Nutzer zum Reader allerdings zeigen, dass die sozialen Funktionen von vielen als großer Mehrwert empfunden werden. Hier nochmal der kurze Einwurf: Sobooks ist eine Buchverkaufsplattform mit Social-Reading-Funktionen und hat damit ein grundsätzlich anderes Geschäftsmodell als Readmill.

Diese Liste könnte und müsste natürlich noch viel weitergehen. Aber ich schreibe diese Artikel nicht, jede Beschwerde nimmt Druck aus dem Kessel, und das ist das Gegenteil von dem, was wir gerade möchten. Denn dieser Druck war von Anfang auch ein Antrieb für Sobooks, sich spiegelnd im eher intern verwendeten Motto „E-Books in richtig“. Und jetzt, im letzten Drittel der Closed-Beta-Phase, brauchen wir ihn, um alles für die Öffnung klarzukriegen.

Als wir die Closed Beta im Oktober zur Buchmesse begannen, hatte das mehrere Gründe. Nutzerverhalten lässt sich grob erahnen, aber nicht präzise vorhersagen, deshalb wollten wir sehen, wie die Leute mit den Sobooks umgehen. Gleichzeitig ist das allgemeine Abstraktionsvermögen gegenüber digitalen Plattformen nicht besonders stark ausgeprägt, was bedeutet: die meisten können sich soetwas wie Sobooks erst vorstellen, wenn es irgendwie vorhanden ist. Das gilt natürlich auch für diejenigen, mit denen wir zusammenarbeiten wollen, wie Verlage, Autoren, Agenten, Medienplattformen, Multiplikatoren und irgendwie auch für uns selbst. Deshalb der frühe Launch mit einem Produkt, das die Bezeichnung „Beta“ sehr zu recht trug.

Wir haben daher Oktober, November und Dezember 2013 Bugfixing gemacht, ein paar aktivere Nutzer gefragt, die Nutzungsszenarien angesehen – um im Januar eine Art Freeze der Plattform vorzulegen. Seitdem bauen wir Sobooks nach dem Erkenntnissen aus der Betaphase zu der Version aus, mit der wir dann voll öffnen können.

Dabei wollten wir ein bisschen hinter den Kulissen werkeln, und zwar möglichst in Ruhe. Dabei muss ich mir (ja, ich mir, nicht die anderen bei Sobooks, knirsch) vorwerfen lassen, dass die Ruhe ZU ruhig war. Will sagen: ich hätte zwischendurch, auch wenn eben im Hintergrund eifrig gebaut wird, mehr kommunizieren können, sollen, müssen. Ein wenig stand dem entgegen, dass die konkreten, sichtbaren Dinge nicht allzu zahlreich waren. Dinge und Prozesse zu optimieren und zum Funktionieren zu bringen ist leider eine wenig glitzy, schwieriger kommunizierbare Aufgabe. Aber gut. Was also passiert gerade oder ist in den letzten Monaten passiert bei Sobooks?

• Wir haben eine Förderung bekommen aus dem Topf InnoRampUp des Innovationsstarters, der wiederum ein Förderinstrument der Hansestadt Hamburg ist.

• Wir haben ein völlig neues Design des Sobooks-Readers aufgesetzt, das der konkreten Benutzung durch die Leserschaft Rechnung trägt (noch nicht offen online, sondern im Hintergrund im Testbetrieb, wie das meiste).

• Wir haben dabei zum Beispiel das Kommentar-Konzept in den Büchern so verändert, dass

a) auch mehrere hundert Kommentare auf einer Buchseite kein Problem mehr sein sollten

b) die absehbare Herausforderung, für eine gute Kommentarqualität zu sorgen, besser gemeistert werden kann

c) zukünftige Weiterentwicklungen („ich möchte nur die Kommentare von Kontakten sehen“) einfacher möglich sind

(hier sieht man übrigens, wie mäßig befriedigend es ist, wenn man über Entwicklungen spricht, die im Gange sind, aber noch nicht vorzeigbar)

• Wir haben uns entschlossen, von Anfang an einen größer werdenden Bereich mit rechtefreien Büchern, vor allem Klassikern, zu installieren, um endlich dem Problem zu begegnen, dass man viele rechtefreie EPUBs runterladen kann, aber die oft von mäßiger Qualität sind und außerdem die Inhalte selbst damit ja nicht im Netz verfügbar und verlinkbar sind (bei uns halt schon).

• Wir haben im Hintergrund uns geplagt mit der, sagen wir, durchwachsenen bis volatilen Qualität der EPUBs, die man von Inhaltepartnern bekommt. Hintergrund: wir müssen für Sobooks ja EPUBs umwandeln in HTML5. Das wäre ein geschmeidig lösbares Problem, wenn EPUBs immer gleich aussähen und den existierenden Vorschriften gemäß verwendet würden. Das ist, vorsichtig formuliert, nicht der Fall. Ich möchte mich darüber nicht beschweren, denn die Verlage– oder Moment, vielleicht möchte ich mich doch beschweren. Die E-Book-Welt wäre eine bessere, wenn EPUB-Dateien nicht vom sehr begabten Sohn der Nachbarin des Cheflektors für 27 Euro pro Stück zusammengedängelt würden. Wobei es natürlich auch hier Verlage gibt, die alles technisch perfekt hinkriegen, aber halt nicht besonders viele. Wir mussten unseren Konverter deshalb zweiteilen: in einen Normalisierer, der aus einem EPUB ein richtiges EPUB macht und in einen Konverter, der aus dem richtigen Epub HTML5 macht.

• Wir haben – nach freundlichen Hinweisen, für die wir uns hier bedanken möchten – auch endlich die Plattform auf https umgestellt und dabei geschickt den Heartbleed-Bug umschifft (ist noch nicht online, kommt nach dem Testing und wird damit zur Öffnung vorhanden sein).

Diese kleine Auswahl an Neuigkeiten dient aber natürlich eigentlich nur dazu, die eine, große, wichtige Information anzumoderieren, auf die alle viele manche einige wir warten: Wann startet Sobooks endlich richtig? Die Antwort darauf gaben wir bisher in Form der Sprachregelung „im Frühling“. Die meisten Leute erwarten dann völlig zurecht einen Termin Anfang April oder so. Wir könnten natürlich jetzt einfach zugeben, dass wir das nicht ganz geschafft haben, wie es bei Tech-Projekten halt passiert. Stattdessen schauen wir einfach auf Wikipedia nach und sind begeistert: hochnotoffiziell, mithin astronomisch verfiziert, dauert der Frühling bis zum 21. Juni! Abseits der Wikiepdia-Realität aber lässt sich feststellen, dass es natürlich sinnvoller ist, mit einem funktionierenden Produkt zu starten als auf Krampf Anfang Ende März oder Anfang April.

Was wir aber schon mal vorantreiben: die Kommunikation. Denn in der Tat, ob wir jetzt am 21. Mai oder am 21. Juni anfangen sollten oder auch erst genau dann, wenn die Plattform superschnafte funktioniert – der Termin ist so absehbar, dass wir vorsichtig aus dem Bau gekrochen kommen und neben den vielen organisatorischen Dingen auch beginnen, mit der Außenwelt zu, mit und über Sobooks zu kommunizieren.

4 Comments

  • Das mit der dramatisch schlechten Usability von eBooks jenseits von Kindle kann ich nur bestätigen, da ich als Verleger und Autor große Probleme damit habe. Aus meiner Nippon-Trilogie musste ich für die anderen eBook-Shops alle Sonderzeichen rausnehmen, nicht nur die japanischen Schriftzeichen, sondern auch Buchstaben mit diakritischen Zeichen wie ā,ō und ū. Dabei muss ich schon froh sein, dass mein Distributor feiyr überhaupt eBooks mit internen Hyperlinks für Glossare und Personenverzeichnisse ausliefert, denn andere Distributoren wie Neobooks akzeptieren nicht einmal solche höchst praktischen Verlinkungen innerhalb eines eBooks. Die Distributoren verfahren nach den Konvoi-Prinzip und richten sich nach dem eBook-Shop mit der schlechtesten Software- und ggf. Hardware-Ausstattung. Und das schlechteste am Markt ist die Lesesoftware Digital Editions von Adobe, die in vielen Geräten steckt. Adobe ist daher nicht nur mit seinem nordkoreanisch anmutenden DRM das größte Wachstumshindernis auf dem eBook-Markt, sondern auch mit seiner dramatisch schlechten Lesesoftware.

  • Der Ansatz, sich als User kommunikativ in ein E-Book einkinken zu können, ist nahezu revolutionär. Als Theologe, Journalist und Internetinteressierter sehe ich darin eine große Herausforderung für die Gesellschaft und den individuellen Leser. Endlich muss ich nicht nur einen Literaturkreis schaffen, sondern kann mich über die für mich relevaten Themen auf einer Plattform austauschen. Das ersetzt natürlich kein Live-Meeting in Realform, aber es ist eine Option, grenzüberschreitend, ungebunden an den Aufenthalt intensiv , eventuell sogar in Echtzeit, sich auszutauschen

  • Chris sagt:

    Ich halte die Usability bei E-Books für weitaus weniger dramatisch als hier dargestellt. Abgesehen von DRM und Social-Reading sollte die Text-Darstellung im Mittelpunkt stehen. Der jetzige Sobooks-Reader ist nicht gerade beeindruckend.
    Wenn ich mir die Leseproben ansehe, frage ich mich schon, warum ich auf einer Seite scrollen muss, anstatt dass die Ansicht dynamisch an meinen Browser angepasst ist. Auch das Cover sollte dynamisch auf der Seite skalieren. Bei „Liebe, jetzt!“ ist es zudem doppelt eingebunden. Ebenso vermisse ich Einstellungen zu Schriftart und Zeilenabstand; eine Schriftgrößenänderung von drei Stufen ist nicht gerade berauschen.
    Insgesamt sind das alles Punkte, bei denen der Großteil der E-Book-Reader deutlich besser abschneidet und die technisch auch nicht sonderlich kompliziert sind. Bei sobooks wirkt es undurchdacht und unprofessionell; mich erstaunt es geradezu, ernsthaft mit diesem Reader an die Öffentlichkeit zu gehen, da es nicht so wirkt, als hätten die Macher viel Ahnung von Text-Aufbereitung. Wenn Herr Forssmann sich schon über die Optik von E-Books aufregt, dann würde er hier gleich nochmal an die Decke gehen.
    Die Navigation auf der Seite selbst finde ich nicht gerade übersichtlich. Ich habe die ganze Zeit eine Übersicht sämtlicher Titel gesucht, bis mir dämmerte, dass tatsächlich nur etwa 9 Titel bisher angeboten werden. Das ist alles sehr mager. Seit Ankündigung auf der Buchmesse 2013 ist ein Jahr vergangen, da sollte in der Zwischenzeit ein deutlich besseres Angebot zu realisieren gewesen sein.

  • Chris sagt:

    Noch was zu Amazon: für die Datenqualität der Mobis sind in erster Linie die Verlage und die Konvertierer der E-Books verantwortlich. Amazon führt Qualitätskontrollen durch und informiert Verlage selbst bei gefundenen Rechtschreibfehlern, teilweise werden E-Books auch aus dem Verkauf genommen. Bei der Masse an Neuveröffentlichungen dauert dies vll. einige Zeit, aber man kann Amazon nicht unbedingt mangelnde Qualitätskontrolle vorwerfen.

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